Adventszeit, Kuschelzeit

Jetzt da die Tage wieder überwiegend dunkel sind, der Wind auf den Straßen feuchte Kälte durch alle Schichten unserer Kleidung treibt, freuen wir uns über einen gemütlichen Unterschlupf. Eingemummelt in Decken und heißen duftenden Tee in den Händen haltend, kuscheln wir uns an unsere Liebsten um uns, zu wärmen.

Und genau da ist der Haken, an unsere LIEBSTEN, nicht an irgendwelchen wildfremden Menschen in der Warteschlange auf der Post.
Jeder der schon mal in der Adventszeit ein Päckchen abgeben musste weiß, dort sind die Schlangen besonders lang, meine längste persönliche Anstehzeit betrug 27 Minuten und 36 Sekunden. In diesen längsten 27 Minuten und 36 Sekunden meines Lebens musste ich die Erfahrung machen, dass es Menschen gibt, die keinerlei natürlichen Distanzzonen kennen. Zugegeben, meine Distanzzone bei Lebewesen, die nicht zu meinem engeren Freundeskreis oder meiner Familie gehören, ist schon sehr ausgeprägt, mit zwei Armlängen von mir entfernt beginnt meine Bleibmirbloßvonderpelle-Komfortzone, alles, was mir näherkommt, macht mich nervös.

Ich stand also da, eingekeilt zwischen einer sich ständig räuspernden und schniefenden Dame mit Hut, den zu allem Überdruss eine Fasanenfeder schmückte, die mich entweder in die Augen pikste oder sich in mein rechtes Nasenloch bohrte. Meine dadurch ausgelösten Niesanfälle kommentierte sie lapidar mit den Worten: „Ja es geht zurzeit rum, gell?!“, drehte sich um und verhedderte sich in meinen Locken. Während ich versuchte den Fasan aus meiner Frisur zu pulen, schnaufte der Mann hinter mir in meinem Nacken. Er war am Abend zuvor auf dem Weihnachtsmarkt gewesen, das konnte ich an seinem Atem erkennen, Pilze mit Knobisoße, und damit die gut schwimmen, Glühwein mit Schuss. Da half auch  das Mundwasser nix, mit dem er wohl noch vor seinem Postgang gegurgelt hatte. Meinen Würgereiz unterdrückend, drehte ich mich zu ihm und bat, doch etwas Abstand zu halten. Er grinste nur süffisant und hauchte (Nierenspieß war auch dabei): “ Was hasch denn Maidli, isch doch kuschelig, so beieinander“.  Kurz bevor ich mich in den Schirmständer übergeben musste, kam mir die rettende Idee. Ich holte mein Handy aus der Tasche, drückte es mir ans Ohr und sprach laut und deutlich:

„Ja du, ich steh hier grad in der Post, geht mir gar nicht gut.“
(Pause)
„Ja, genau Magenkrämpfe.“
(Pause)
„Ach der Jannik auch, oben und unten, nix mehr drinnen geblieben.“
(Pause)
„Magen-Darm-Virus!“ ( sehr laut )
„Ja, ich hol mir dann gleich was in der Apotheke.“
„Du ich muss Schluss machen, mich würgts grad wieder.“
Einige Leute verließen fluchtartig den Raum, der Mann hinter mir schüttelte angewidert den Kopf und presste sich seinen Schal vor die Atemwege, die Frau mit Hut, schaute mich entsetzt an. Ich beugte mich ganz nah zu ihr und sagte: „Es geht halt zurzeit rum, gell?!“ Die restliche Wartezeit hatte ich mindestens drei Armlängen Komfortzone. Das mache ich jetzt immer so, wenns eng wird und euch allen wünsche ich eine schöne kuschelige Adventszeit.

 

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14 Gedanken zu “Adventszeit, Kuschelzeit

  1. Geil.
    Man soll ja auch „zusammenrücken“. Ganz besonders in der Vorweihnachtszeit. Das fördert das „Miteinander“ und die innere Harmonie. Liebe deinen Nächsten … und den, der vor dir in der Schlange steht, auch wenn die oder der mal nicht nach Weihnachtsplätzchen riecht. Würg.
    Ich merke gerade, wie der Schmalz in die Tastatur tropft. Ich hätte Pastorin werden sollen.
    Ich hör jetzt besser auf, sonst breche ich vor Gefühlsbesoffenheit noch in Tränen aus. 😀

    Gefällt 1 Person

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