Oh wie schön ist Panama

….aus dem Tagebuch einer Zwölfjährigen.

„Oh wie schön ist Panama…“ dachte ich und trippelte mit meiner Familie im Gänsemarsch durch Augsburg. Da wir dieses Jahr einen außergewöhnlich heißen Sommer haben. Beschlossen meine Eltern kurzerhand, die Sommerferien zu Hause zu verbringen und einen auf Kultur zu machen. Nun standen wir also bei 34°C im Schatten auf dem Rathausplatz dieser Stadt. Um uns herum wimmelte es von Bekloppten, die dasselbe taten. Die einzige Abkühlung gab es, wenn die Sonne für einen kurzen Moment hinter einer der vielen Schäfchenwolken am saublauen Himmel verschwand. Ja, jetzt verstand ich das mit den Farben Bayerns. Ich blickte mit zusammengekniffenen Augen nach oben und wartete darauf, dass die weißen Wattebäusche sich in einem der beiden Zwiebeltürme des monströsen historischen Rathauses, verfingen.
Mein Vater kam aus dem Fotografieren nicht mehr heraus und der gesamte Wortschatz meiner Mutter hatte sich auf die lang gezogenen Vokale „Ahh“ und „Ohh“ reduziert. Ich fand das Bauwerk ziemlich erdrückend und war froh über die vielen bunten Marktschirme und grünen Kübelpflanzen der Straßencafès im Vordergrund. Dadurch wurde alles etwas aufgelockert und wirkte nicht mehr so bedrohlich. Meine Schwester bekam von alledem nichts mit. Sie war fluchend damit beschäftigt den Absatz eines ihrer nagelneuen Stilettos aus dem Kopfsteinpflaster, zu zerren. Die Passanten, die an uns vorüber schlenderten, kommentierten das Geschehen mit gehässigem Grinsen oder verständnislosem Kopfschütteln. Mir war das egal, ich sehnte mich nach einer eiskalten Cola. „Können wir uns nun endlich den goldenen Saal anschauen?“, drängte mein Bruder. Unsere Blicke richteten sich fassungslos auf ihn, selbst meine Schwester hielt inne, um sich zu vergewissern, ob das wirklich er war, der gesprochen hatte. Mein Bruder hasst solche Ausflüge. Unsere Eltern hatten ihn nur unter Androhung härtester Strafen hierher bekommen. Wir erkannten sofort den Grund für sein merkwürdiges Verhalten. Seine Gesichtsfarbe war von pickelig weiß in Pavianarschrot gewechselt. Er musste unbedingt an einen kühlen Ort, und wo konnte der wohl besser sein als hinter den dicken Mauern des Rathauses. „Oh wie schön ist Panama“, schoss es mir erneut durch den Kopf, und ich wünschte, ich könnte mit meinen Freunden dem Bären und kleinen Tiger auf Entdeckungsreise gehen. Weit weg von Augsburg und dem goldenen Saal, in der Hängematte liegend unter dem großen Walnussbaum in unserem Garten.

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