Natürlich liebe ich meine Kinder…

Am Wochenende habe ich das „Pubertier“ von Jan Weiler gelesen. Jan Weiler hat auch „Maria ihm schmeckts nicht“ und „Hier kommt Max“ geschrieben und noch viel, viel mehr. Sehr cool der Typ, also seine Schreibe natürlich, ihn kenne ich ja nicht. Er bringt die Sachen auf den Punkt, ohne viel geschnörkel, mit viel Witz, einfach super! Naja auf jeden Fall habe ich also dieses Buch gelesen und fand den Titel erst ein bisschen einfallslos. „Das Pubertier“, wenn man über pubertierende Kinder schreibt „hmm“. Aber dann habe ich meinen Kopf in das Zimmer meiner großen Tochter gesteckt (was ich sonst zu vermeiden versuche) und …ja! Da kam mir der Vergleich mit einem Tier doch recht passend vor. Das Sauerstoffarme, Gasdunstgemisch, in das ich eintauchte, war wahrhaft animalisch. Ein Aufenthalt vor dem Pumakäfig unseres Zoos ist dagegen Wellnessaromatherapie. Als ich wieder Luft bekam, wagte ich anzumerken, dass die Fenster, die sich in ihrem Zimmer befinden, nicht hermetisch abgeriegelt sind, sondern dafür konzipiert wurden, sie auch ab und an zu öffnen. Daraufhin wurde mir lauthals ein, „Mamaaa du nervst!“, an den Kopf geschleudert, gefolgt von einem Kleidungsstück. Noch im Flug konnte ich erkennen, das es mein BH war, den ich schon seit Monaten vermisste. Mein hundersechzig Euro BH von Dolce Zita, mit Kühlesmahagoniflecken von irgendwelchen Haarfärbe versuchen! Und genau in solchen Momenten denke ich mir, natürlich liebe ich meine Kinder… ABER manchmal könnte ich sie einfach ungespitzt in den Boden rammen oder in der Wildnis aussetzen.

Vor Jahren habe ich meinen Mann bekniet: „Bitte, bitte lass uns doch mal nach Schweden fahren.“ Er blickte nicht einmal von seiner „Auto Motor Sport“ auf, als er mir folgende Worte vor den Latz knallte: “ Scheißwetter, Scheißmücken, scheißteurer Alkohol.“ Ich überlegte gerade wie ich ihn doch noch überreden könnte, als es an der Tür klingelte. Zwei nette Polizisten brachten unsere damals fünfzehnjährigen Sohn nach Hause (aus welchem Grund möchte ich hier nicht erwähnen) und wie auf Kommando erklang in genau dem Moment, als unsere Personalien aufgenommen wurden, aus dem oberen Stockwerk das hysterische Kampfgeschrei unserer zwei Töchter, gefolgt von einem Krachen, welches die Haustür in ihren Angeln erzittern ließ. Es brauchte sehr viel Überzeugungskraft, um den Beamten klar zu machen, dass wir keine Hilfe benötigen und unsere Kinder in geordneten Verhältnissen aufwachsen. Als endlich wieder Ruhe eingekehrt war, schnappte ich mir meinen Reiseprospekt, blickte auf ein Hochglanzfoto mit Schwedens grünen Weiten und Seen und da kam mir die rettende Idee. Warum sollten wir es nicht einmal mit dem Klassiker des Kinderaussetzens probieren? Ich erzählte meinem Mann von den unendlichen Wäldern Schwedens und dass sich da ständig Menschen verirrten, die dann nie mehr auftauchten. Er hatte immer noch rote Flecken von dem Erlebnis mit der Polizei auf der Stirn, klappte sein Laptop auf und buchte die Fähre.

Vier Wochen später stapften wir durch die unberührte Natur Värmlands und verloren „Ups“ ganz Ausversehen unsere Kinder. Wir hatten allerdings nicht bedacht, dass Hänsel und Gretel noch nicht im Besitz eines Handys und somit eines Routenplaners waren, unsere Kinder aber schon, sie waren zwei Stunden vor uns an der Blockhütte, die wir gemietet hatten, WIR hatten uns nämlich verfahren. Sie hatten inzwischen den Grill angeworfen, Würstchen und Saft im Supermarkt gekauft, den Tisch gedeckt, richtig schön, mit einem blau-weiß karierten Leintuch und einer Vase voll kunterbunter Wiesenblumen. Die hatten unsere zwei Mädels auf dem Nachhauseweg gepflückt. Während mein Mann seinen stolzen, „Das sind meine Kinder“, Blick aufgesetzt hatte, kullerten mir ein paar Tränchen der Rührung über die Wangen. Denn… natürlich liebe ich meine Kinder!

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